Herkunft & Identität · 4 MIN. LESEZEIT
Wie viele Geschichten passen in ein Ich?
Über Zugehörigkeit, zwei Sprachen und die Freiheit, sich selbst weiterzuerzählen.
Ich bin in Bihać in Bosnien und Herzegowina geboren und seit meinem zweiten Lebensjahr in Deutschland zu Hause. Deutsch und Bosnisch gehören zu meinem Leben. Wenn man es ganz genau nimmt, dann eher „Schwäbisch“. Ebenso selbstverständlich gehören unterschiedliche Erfahrungen, Erwartungen und Sichtweisen dazu.
Wenn ich gefragt werde, woher ich komme, hängt meine Antwort davon ab, wer fragt und mit welcher Absicht. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Sie Ihre Lebensgeschichte kaum zweimal genau gleich erzählen? Überlegen Sie einmal: Je nachdem, wer Ihnen eine Frage stellt und wie lange Sie die Person kennen, wählen Sie andere Worte und setzen andere Schwerpunkte. Auch das, was Sie sich von der Begegnung wünschen oder was Ihr Gegenüber von Ihnen möchte, beeinflusst Ihre Erzählung. Jede dieser Geschichten erzählt etwas über uns. Keine davon erzählt alles.
Zuschreibungen wirken in Beziehungen
Menschen begegnen uns mit Vorstellungen. Sie hören einen Namen, sehen ein Gesicht oder erfahren einen Teil unserer Geschichte. Manchmal entsteht daraus schon ein Bild, bevor wir selbst zu Wort gekommen sind.
Auch wir selbst ordnen Menschen ein. Die spannende Frage ist, ob wir unsere erste Deutung für die ganze Geschichte halten. Welche Möglichkeiten gehen verloren, wenn wir jemanden nur durch eine einzige Zugehörigkeit betrachten?
Identität darf sich bewegen
Wir verändern uns durch Beziehungen, Bildung, Arbeit und Erfahrungen, die unsere Gewissheiten verschieben. Was früher wichtig war, darf heute eine andere Bedeutung bekommen. Eine neue Haltung macht die frühere Geschichte nicht ungeschehen.
Für mich liegt darin eine Freiheit: Ich darf mitnehmen, was mich trägt. Ich darf überprüfen, was mich begrenzt. Und ich darf verbunden bleiben, während ich eigene Entscheidungen treffe.
Eine Frage für das nächste Gespräch
Welchen Teil Ihrer Geschichte erzählen andere besonders oft über Sie? Und welchen Teil würden Sie selbst gern ergänzen?
Vielleicht eröffnet diese Frage ein Gespräch, in dem Zugehörigkeit größer werden kann. In dem Widersprüche Platz haben und Menschen selbst bestimmen, was sie von sich erzählen möchten.
Welche Frage nehmen Sie mit?
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